Die politische Federführung für die Bioökonomie in Hessen liegt beim Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum. Eine eigenständige Bioökonomiestrategie auf Landesebene liegt bislang nicht vor. Stattdessen ist die Bioökonomie in verschiedene Fach-, Innovations- und Transferstrukturen eingebunden. Einen wichtigen Rahmen bildet die Hessische Innovationsstrategie 2021–2027, die Nachhaltigkeit, Resilienz und Digitalisierung in den Mittelpunkt stellt und die Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft, Hochschulen und Forschungseinrichtungen fördert. Der Ansatz ist damit stärker technologie- und innovationsorientiert als strategisch eigenständig angelegt.
Zu den frühen konzeptionellen Grundlagen der hessischen Bioökonomiepolitik zählt ein gemeinsames Positionspapier von Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Mit den Publikationen „Bioökonomie in Hessen. Auf dem Weg in die Wirtschaftsform der Zukunft“ (2017) und „Biobasierte Technologien der Zukunft. Für eine bessere Nutzung biogener Ressourcen“ (2019) konkretisierte das Land anschließend Entwicklungsperspektiven und thematische Schwerpunkte. Im Fokus stehen technologieorientierte Bereiche wie Chemie und Pharma, biobasierte Funktionsmaterialien, Bioenergie sowie der Anlagen- und Maschinenbau.
Heute verfolgt Hessen insbesondere einen wissensbasierten Ansatz der Bioökonomie. Im Mittelpunkt stehen biotechnologische Verfahren, Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft sowie die stoffliche Nutzung biogener Rohstoffe und Reststoffe. Begleitet wird diese Entwicklung unter anderem durch die Hessen Trade & Invest GmbH (HTAI), die mit der Wissenstransfer-Plattform Technologieland Hessen Unternehmen im Innovationsfeld Life Sciences und Bioökonomie informiert, vernetzt und den Wissens- und Technologietransfer unterstützt.
Eng verknüpft ist dieses politisch-wirtschaftliche Engagement mit der Forschungslandschaft des Landes. An Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wird sowohl Grundlagen- als auch anwendungsorientierte Forschung zur Bioökonomie betrieben. Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Mikrobiologie und Pilzforschung an der Philipps-Universität Marburg, in der Insektenbiotechnologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie in agrar-, umwelt-, ingenieur- und materialwissenschaftlichen Forschungsfeldern an der Universität Kassel. Ergänzt werden diese Aktivitäten durch außeruniversitäre Einrichtungen wie das Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie sowie transferorientierte Forschungsverbünde und das Fraunhofer IGD in Darmstadt.
Ein zentrales Instrument der Forschungs- und Innovationsförderung ist die Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE). Mit dem seit 2008 bestehenden Programm stärkt Hessen die Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft und außeruniversitärer Forschung und fördert interdisziplinäre Zentren, Verbundvorhaben, Professuren und Explorationsprojekte. Für die Bioökonomie besonders relevant sind mehrere LOEWE-Strukturen. Das LOEWE-Zentrum für Insektenbiotechnologie und Bioressourcen (ZIB), europaweit das erste Zentrum für „Gelbe Biotechnologie“ (Insektenbiotechnologie), erschließt Insekten als Bioressource für Anwendungen in Medizin, Pflanzenschutz sowie industrieller Biotechnologie. Am Zentrum für Synthetische Mikrobiologie (SYNMIKRO) werden Mikroorganismen mit maßgeschneiderten Eigenschaften synthetisch hergestellt, um damit Werkzeuge für die moderne Biotechnologie, etwa zur Produktion von Biokraftstoffen, bereitzustellen.
Weitere Förderschwerpunkte der Landesregierung sind Biotechnologie und Umwelttechnologie. Während der erste Fokus etwa dazu führt, Edelmetall aus Abfall mit Hilfe von Mikroben zu gewinnen, tragen Innovationen in der Umwelttechnologie zum Phosphor-Recycling aus Klärschlamm bei. Einen praxisnahen Überblick über die Bandbreite der hessischen Bioökonomie bietet die Broschüre „ABC der Bioökonomie“. Die Publikation stellt entlang zentraler Begriffe, Technologien und Anwendungsfelder Beispiele aus Unternehmen, Start-ups, Hochschulen und Forschungseinrichtungen vor und verdeutlicht die Vielfalt bioökonomischer Aktivitäten in Hessen.
Eine wichtige Rolle für die anwendungsnahe Bioökonomie spielt zudem der Innovationsraum BioBall (Bioökonomie im Ballungsraum). Das vom Bundesforschungsministerium (BMFTR) geförderte Vorhaben konzentriert sich auf die stoffliche Nutzung biogener Rest- und Abfallstoffe in der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main. Ziel ist die Schließung von Stoffkreisläufen, die Erschließung neuer biobasierter Wertschöpfungsketten sowie die Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in industrielle Anwendungen.
Insgesamt verfolgt Hessen damit einen technologie- und transferorientierten Ansatz der Bioökonomie. Die Stärken des Landes liegen insbesondere in der Verbindung von Chemie, Pharma, Biotechnologie, Umwelttechnologie, Kreislaufwirtschaft und industrieller Anwendung.