Schweiz

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Keine nationale Bioökonomiestrategie, aber dennoch eine wachsende Bioökonomie: In der Schweiz entstehen die politischen Rahmenbedingungen aus Klima-, Kreislaufwirtschafts-, Biodiversitäts- und Waldpolitik. Besonders die Nutzung von Holz als biobasiertem Rohstoff sowie neue Ansätze der Kreislaufwirtschaft prägen die Entwicklung einer Bioökonomie, die sich bewusst an ökologischen Grenzen orientiert.

Inhalt
Politische Weichenstellungen

Die Schweiz verfügt über keine eigenständige nationale Bioökonomiestrategie. Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen entstehen vielmehr aus einem Bündel sektoraler Strategien in den Bereichen Nachhaltigkeit, Klima, Kreislaufwirtschaft, Biodiversität, Landwirtschaft sowie Wald- und Ressourcenpolitik. 

Die übergeordnete politische Grundlage bildet die Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030 (SNE 2030) des Schweizer Bundesrates. Sie wurde 2021 verabschiedet und ist der zentrale Orientierungsrahmen für die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen in der Schweiz. Für die Bioökonomie sind besonders die Schwerpunktbereiche „Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion“ sowie „Klima, Energie und Biodiversität“ von Bedeutung. Die SNE 2030 verfolgt ausdrücklich einen sektorübergreifenden Ansatz und soll Zielkonflikte zwischen wirtschaftlicher Nutzung biologischer Ressourcen und ökologischer Tragfähigkeit adressieren. Damit schafft sie einen wesentlichen Rahmen für die Entwicklung biobasierter Wertschöpfung, Kreislaufansätze und nachhaltiger Ressourcennutzung. Konkretisiert wird die Strategie durch die Aktionspläne 2021–2023 sowie 2024–2027, in denen Maßnahmen für die Bundesverwaltung festgelegt werden.

Ein weiterer zentraler Baustein der politischen Rahmenbedingungen ist die Kreislaufwirtschaftspolitik. Die rechtliche Basis bildet die parlamentarische Initiative „Schweizer Kreislaufwirtschaft stärken“, deren Gesetzesänderungen mehrheitlich 2025 in Kraft getreten sind. Sie schaffen die Grundlagen, um Materialkreisläufe zu schließen und die Kreislaufwirtschaft zu stärken. Ein wichtiger Baustein ist auch die seit 2026 gesetzlich geltende Pflicht zur Phosphorrückgewinnung aus kommunalem Klärschlamm und phosphorreichen Abfällen. 

Die Entwicklung der Bioökonomie in der Schweiz wird zudem wesentlich durch die Klima- und Energiepolitik beeinflusst. Im Zentrum steht das Bundesgesetz über die Ziele im Klimaschutz, die Innovation und die Stärkung der Energiesicherheit (KlG), das als indirekter Gegenvorschlag zur sogenannten Gletscher-Initiative entwickelt wurde. Über das Gesetz stimmte die Schweizer Bevölkerung im Jahr 2023 positiv ab. Mit dem Inkrafttreten der ersten Umsetzungsbestimmungen im Jahr 2025 wurde das Ziel der Treibhausgasneutralität (Netto-Null) bis 2050 rechtlich verankert und durch Förderinstrumente für Industrie und Gebäudesektor ergänzt. Diese Klima- und Energiepolitik bildet einen wichtigen Treiber der Schweizer Bioökonomie, indem sie Marktanreize für biobasierte Lösungen schafft und die Substitution fossiler Rohstoffe unterstützt. 

Eine besonders große Rolle kommt auch der Wald- und Holzpolitik zu. Die politische Grundlage bilden insbesondere die Ressourcenpolitik Holz 2030, der Aktionsplan Holz 2021–2026 sowie die Integrale Wald- und Holzstrategie 2050. Die Ressourcenpolitik Holz 2030 verfolgt das Ziel, die stoffliche Nutzung des Rohstoffs Holz zu stärken, die regionale Wertschöpfung auszubauen und die Ressource Holz stärker für Klima- und Nachhaltigkeitsziele nutzbar zu machen. Ergänzend setzt der Aktionsplan Holz 2021–2026 konkrete Maßnahmen zur Förderung von Innovation, Wissenstransfer und Marktentwicklung um. Die Integrale Wald- und Holzstrategie 2050 soll den Schweizer Wald langfristig gesund, vielfältig und naturnah erhalten sowie nachhaltig bewirtschaften. Die strategische Bedeutung der Wald- und Holzressourcen wurde bereits im Rahmen des Initiierungsprojekts NFP 66 „Bioökonomie Schweiz – Ressource Holz“ hervorgehoben. 

Mit der „Strategie Biodiversität Schweiz“ setzt der Bund ökologische Leitplanken für die Nutzung biologischer Ressourcen und verankert den Erhalt der Biodiversität als Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung. Die Schweizer Perspektive unterscheidet sich damit von rein technologie- oder wachstumsorientierten Konzepten, da sie die Nutzung biogener Ressourcen ausdrücklich an die Belastungsgrenzen von Ökosystemen bindet. Mit den Aktionsplänen der Phase I (2017-2024) und Phase II (2025-2030) wird die Umsetzung der Strategie weitergeführt. 

Diese Einordnung der Bioökonomie als querschnittsorientiertes Politikfeld wird auch im vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) beauftragten Expertenbericht „Bioökonomie Schweiz heute“ aus dem Jahr 2020 hervorgehoben. 

Forschung, Innovation & Wissenstransfer

Die Entwicklung der Bioökonomie in der Schweiz wird maßgeblich durch Forschung, Innovation und Wissenstransfer geprägt. Landwirtschaftliche Biomasse, Reststoffströme, Kreislaufnährstoffe und biogene Nebenprodukte bilden die stoffliche Grundlage vieler bioökonomischer Wertschöpfungsketten.

Eine zentrale Rolle spielt Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Die dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) angegliederte Einrichtung erforscht nachhaltige Produktionssysteme und die Nutzung biologischer Ressourcen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das Arbeitsprogramm 2026–2029 adressiert die zentralen Herausforderungen der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft. 

Einen weiteren Schwerpunkt bildet der ETH-Bereich. Er umfasst die Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich (ETH Zürich) und Lausanne (EPFL), die Forschungsanstalten Paul Scherrer Institut (PSI), die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) sowie die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). Die Einrichtungen bearbeiten Themen wie Holz- und Biomassenutzung, Bioraffinerien, biobasierte Werkstoffe, Kreislaufwirtschaft und Nährstoffrückgewinnung. 

Die Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in marktfähige Anwendungen wird insbesondere durch die Innovationsagentur Innosuisse unterstützt. Als nationale Förderagentur fördert sie die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Start-ups, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Für die Bioökonomie sind insbesondere Innovationsprojekte, Wissens- und Technologietransfer sowie die Flagship-Initiative relevant, mit der groß angelegte und transdisziplinäre Innovationsvorhaben unterstützt werden. 

Eine wichtige Rolle bei der wissenschaftlichen Einordnung und Vernetzung bioökonomischer Fragestellungen spielen die Akademien der Wissenschaften Schweiz. Sie befassen sich mit den Potenzialen, Zielkonflikten und politischen Rahmenbedingungen der Bioökonomie und fördern den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Mit Publikationen wie „Bioökonomie – Welche Optionen hat die Schweiz?“ tragen sie zur strategischen Diskussion über die zukünftige Ausrichtung der Bioökonomie bei und schaffen eine Plattform für den sektorübergreifenden Dialog.

Auch Fachhochschulen und anwendungsnahe Forschungseinrichtungen tragen zur Bioökonomieforschung bei. Dazu gehören insbesondere die Berner Fachhochschule mit der HAFL und dem Departement Architektur, Holz und Bau, die ZHAW sowie die FHNW. Schwerpunkte liegen in den Bereichen Holz- und Materialforschung, Biomassenutzung, Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Ernährungssysteme und Bioverfahrenstechnik. Ergänzt wird die Forschungslandschaft durch Förderprogramme und Netzwerke, wie das Nationale Forschungsprogramm NFP 66 „Ressource Holz“

Einen weiteren Impuls setzt das Swiss Wood Innovation Network (S-WIN). Gemeinsam mit der SATW und dem Schweizer Koordinationsausschuss für Biotechnologie initiierte das Netzwerk die Dialogplattform „Schweizer Holzbasierte Bioökonomie“

Unternehmen & industrielle Umsetzung

Die wirtschaftliche Umsetzung der Bioökonomie in der Schweiz erfolgt vor allem in den Bereichen Holzverarbeitung, Spezialchemie, Biotechnologie, Lebensmittelwirtschaft sowie Umwelt- und Kreislauftechnologien. 

Zu den international bedeutenden Akteuren zählt die Clariant AG, die biobasierte Spezialchemikalien entwickelt und unter anderem Verfahren zur Herstellung von Biokraftstoffen aus pflanzlichen Reststoffen vorantreibt. Die Bühler Group entwickelt Technologien für die Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe und Lebensmittel und arbeitet an ressourceneffizienten Produktionsprozessen. Im Bereich innovativer Werkstoffe hat sich Bcomp Ltd. mit Naturfaserverbundstoffen auf Basis von Flachs etabliert, die unter anderem im Automobil- und Motorsport eingesetzt werden. Darüber hinaus bilden die Holz- und Forstwirtschaft, die Lebensmittelindustrie sowie die landwirtschaftliche Verarbeitung die traditionelle wirtschaftliche Basis der Schweizer Bioökonomie.

Eine besondere Rolle spielen zudem zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die gemeinsam mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen neue Anwendungen entwickeln. Dazu gehört beispielsweise Bloom Biorenewables, ein Spin-off der EPFL, das Verfahren zur Nutzung von Holzbestandteilen für die Herstellung von Chemikalien und Materialien entwickelt. Weitere Unternehmen arbeiten an der Nutzung von Biomasse, der Rückgewinnung von Ressourcen oder der Entwicklung biologisch abbaubarer Materialien.

Insgesamt verfügt die Schweiz über eine breit aufgestellte Forschungs-, Innovations- und Unternehmenslandschaft im Bereich der Bioökonomie. Ihre Entwicklung erfolgt bislang jedoch nicht im Rahmen einer eigenständigen Bioökonomiestrategie, sondern über das Zusammenspiel von Forschungseinrichtungen, Förderorganisationen, Fachhochschulen und thematischen Netzwerken. 

Autorin: ch