Zwischen Zuchtgarten und Versuchsfeld: Pflanzenzüchtung hautnah erlebt
Wie schützen wir unsere Kulturpflanzen vor zunehmenden Schädlingsplagen und wie sorgen wir zukünftig für ausreichend Ernteerträge? Im Rahmen der Veranstaltung „Zeitreise Weizenzüchtung“ vom Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) wurden diese Fragen bei einem lehrreichen Besuch im Zuchtgarten in Berlin beantwortet und Bioökonomie.de sammelte Eindrücke vor Ort.
An einem heißen Sommertag Ende Juni steht ein kleiner Kreis von Menschen vor dem Campus Dahlem der Humboldt-Universität zu Berlin versammelt. Ein Reisebus kommt vom Bundestag angefahren und noch mehr Menschen stoßen dazu. Es wird sich gegrüßt und ausgetauscht, Wasser wird ausgeteilt und Strohhüte auf den Köpfen gerichtet. Dieser Ort bringt Menschen aus Politik, Behörden und der Presse aus demselben Grund zusammen. Alle sind heute gekommen, um Pflanzenzüchtung hautnah zu erleben. Es geht um Zusammenhänge, die nicht einfach auf einem Bildschirm erklärt werden können.
Pflanzenzüchtung muss erlebt werden
Zuerst führt der Weg die Gemeinschaft entlang von Gewächshäusern, auf eine Wiese, bis hin zu Feldversuchsflächen. Diese sonnigen Felder inmitten Berlins zu begehen, fühle sich nach einem trubeligen Tag im Parlament fast wie Urlaub an, merkt eine Abgeordnete an diesem besonderen Ort der Agrarforschung an: Hier befindet sich nämlich der Campus, auf dem seit 1923 der längste Dauerfeldversuch Deutschlands läuft. In einem Weizenschauversuch wird die Zeit durch eine Gegenüberstellung von 12 ausgewählten Weizensorten sichtbar gemacht. In einer Parzelle nehmen wissbegierige Besucher eine von der Pilzkrankheit „Braunrost“ befallene, ältere Weizensorte in die Hand und staunen: der rostbraune Belag auf den Blättern fühlt sich rau und staubig an. Ziel der Präsentationen und Vorträge im Feld ist es, vor allem den anwesenden Abgeordneten die Bedeutung von moderner Züchtung und gesundem Saatgut nahezubringen.
BDP-Geschäftsführer Dr. Carl-Stephan Schäfer bringt es auf den Punkt: Pflanzenzüchtung müsse erlebt werden, um verstanden zu werden. Damit ist nicht nur das Ansehen der Pflanzen gemeint, sondern der Zusammenhang. Pflanzenzüchtung ist komplex, da sie Ökologie und Ökonomie zugleich betrifft. Wenn Klimaveränderungen zunehmen, wenn Biodiversität abnimmt und wenn Wirtschaftlichkeit unter Druck gerät, dann muss im Gesamtsystem gedacht werden.
Schädlingsdruck steigt und verändert sich
Weiter geht es zum Julius Kühn-Institut (JKI), dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. Dort kommen wir weg von der Frage, wie Weizen sich entwickelt und angepasst hat, hin zu der Frage, wie Kulturpflanzen geschützt werden können. Den Versuchsfeldern an diesem Standort sind zwar keine Pilzkrankheiten anzusehen, dafür sieht man Schädlinge wie Kartoffelkäfer auf diversen Gemüsepflanzen herumkrabbeln – auch dieser Anblick scheint vielen neu zu sein.
Die Gäste werden über Strategien zur effektiven Schädlingsbekämpfung aufgeklärt, denn Schädlinge kommen nicht als einzelne Ereignisse. Sie entwickeln sich, passen sich an und finden neue Wege. In der Gesprächsrunde wird klar, dass die Forschung nicht bei der Eindämmung des Problems stehen bleibt. JKI-Direktor Prof. Dr. Frank Ordon betont Pflanzenschutz dürfe nicht mehr allein auf chemischem Schutz basieren, er müsse im System gedacht werden.
Als Beispiel dient die Schilf-Glasflügelzikade. Sie ist nicht irgendein Vertreter, sondern ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich Schädlinge ausbreiten. Seit 2008 befällt sie Zuckerrüben, bis auf Schleswig-Holstein, in jedem Bundesland. Im Rundgang wird deutlich, wie weitreichend das Problem ist: Durch wärmere und trockenere Sommer wird die Verbreitung der Zikade begünstigt und das Infektionsrisiko erhöht. Die Zikade befällt mittlerweile nicht nur Zuckerrüben, sondern auch verschiedene Gemüsesorten wie Kartoffeln. Der Schädling durchläuft mehrere Entwicklungsstadien in unterschiedlichen Kulturen und wächst über die Fruchtfolge hinweg. Als weitere Wirtspflanzen rücken etwa Zwiebeln, Möhren und Rote Beete in den Fokus. Allgemein führe der Befall zu erheblichen Verlusten in Ertrag und Qualität, erläutern die JKI-Forscher. Kartoffeln werden nach dem Befall ungenießbar, bei Zuckerrüben müsse mit einer Senkung des Zuckergehaltes von bis zu 40 % gerechnet werden.
Integrierter Pflanzenschutz als Vorsorge
Ein wichtiger Ansatz zur Bekämpfung der Zikade, sei der Verzicht auf die Winterung von Weizen. Winterweizen fungiert nämlich als Zwischenwirt der Schilf-Glasflügelzikade und fördert ihre Entwicklung. Wenn also ein Zwischenwirt fehlt, wird ein Schritt im Lebenszyklus unterbrochen. So kann der Befall weniger stark ausfallen, nicht durch reine Reaktion, sondern durch Vorsorge! Auf dem Rundgang werden weitere Maßnahmen erwähnt, die diese Vorsorge ergänzen können: Monitoring für die Zikade, damit man einen sich anbahnenden Befall frühzeitig erkennt und eine präventive Anpassung der Fruchtfolge, damit das System gar nicht in den Zustand gerät, in dem sich Schädlinge wohlfühlen.
Am Ende ist die zentrale Botschaft, dass der „Baukasten" chemischer Pflanzenschutzmittel begrenzt ist. Wenn Risiken weiter zunehmen, müssen integrierte, vorbeugende Maßnahmen zusammenspielen. Pflanzenschutz ist nicht mehr nur eine Frage von Einzelmitteln, sondern von Systemen, von Entscheidungen, die schon heute getroffen werden müssen, damit Ernteerträge auch morgen verlässlich bleiben. Während sich die Gruppe voneinander verabschiedet, bleibt dieser Eindruck hängen. Man geht an Pflanzen vorbei, doch nicht nur ihr Anblick bleibt. Man nimmt das Gesamtbild mit, von der Züchtung über den Befall, bis hin zur Frage, wie Zukunft im Feld tatsächlich gestaltet wird.
mw