Kartoffelsaft soll Palmöl in Chemikalien ersetzen
Mit EU-Förderung baut ChainCraft in den Niederlanden eine Bioraffinerie für mittelkettige Fettsäuren. Ein Reststrom aus der Kartoffelverarbeitung soll Palmöl und fossile Rohstoffe ersetzen.
Mittelkettige Fettsäuren sind Bausteine der chemischen Industrie. Sie werden etwa für Wasch- und Reinigungsmittel, Schmierstoffe, Aromen, Duftstoffe oder Kunststoffzusätze genutzt. Bislang stammen vergleichbare Produkte häufig aus Palmöl, Palmkernöl oder fossilen Rohstoffen. Das europäische Projekt PACE will zeigen, dass solche Spezialchemikalien auch aus einem Reststrom der Kartoffelverarbeitung entstehen können.
Koordiniert wird PACE vom Amsterdamer Biotechnologieunternehmen ChainCraft. Die Circular Bio-based Europe Joint Undertaking (CBE JU), eine öffentlich-private EU-Partnerschaft für biobasierte Industrien, fördert das Vorhaben als Flagship Innovation Action mit knapp 20 Millionen Euro. Das Projekt läuft von Mai 2026 bis April 2030 und soll bei der niederländischen Stärkegenossenschaft Royal Avebe eine erste vollskalige Bioraffinerie demonstrieren.
Mikroben verlängern Kohlenstoffketten
Als Ausgangsstoff nutzt PACE Kartoffelsaft, einen wasserreichen Nebenstrom aus der Kartoffelstärkeproduktion. In der geplanten Anlage soll er mit ChainCrafts Fermentationstechnologie in mittelkettige Fettsäuren umgewandelt werden. Dabei setzen Mikroorganismen kleinere organische Säuren in längere Moleküle um. Fachleute sprechen von mikrobieller Kettenverlängerung. Die so entstehenden Fettsäuren können anschließend aufgereinigt und in verschiedenen Chemieanwendungen weiterverarbeitet werden.
Im geplanten Betrieb sollen pro Jahr rund 300.000 Tonnen Kartoffelsaft zu bis zu 20.000 Tonnen gereinigten mittelkettigen Fettsäuren verarbeitet werden. Gegenüber palmöl- oder fossilbasierten Alternativen erwartet das Konsortium 50 bis 80 Prozent weniger Treibhausgasemissionen. Die Zahlen sind Zielwerte des Projekts und müssen im Dauerbetrieb der Anlage noch bestätigt werden.
Bestehende Anlage wird umgerüstet
Die Bioraffinerie soll nicht auf der grünen Wiese entstehen. ChainCraft und Avebe wollen Teile einer bestehenden Anlage in Ter Apelkanaal umrüsten und erweitern. Der Vorteil liegt in der Nähe zum Rohstoff: Der Kartoffelsaft fällt direkt in der Produktion an. Nach Angaben des Projekts soll die Nachrüstung die Anfangsinvestitionen gegenüber einem Neubau senken, Transportkosten sparen und eine weitgehende Wiederverwendung von Prozesswasser ermöglichen.
Auf der Abnehmerseite sind unter anderem Syensqo, Symrise und SC Johnson eingebunden. Das zeigt, dass die Produkte nicht nur als Laborchemikalien gedacht sind, sondern in bestehenden Märkten der Spezialchemie erprobt werden sollen. PACE gehört zu den vier industriellen Leuchtturmprojekten, die CBE JU aus seinem Förderaufruf 2025 ausgewählt hat.
PACE ist damit ein Test für industrielle Integration. ChainCraft und Avebe wollen zeigen, ob sich ein vorhandener Nebenstrom dauerhaft in eine verlässliche Rohstoffbasis für Spezialchemikalien verwandeln lässt. Gelingt das, könnte Kartoffelsaft künftig nicht nur als Reststoff der Stärkeproduktion gelten, sondern als regional verfügbare Kohlenstoffquelle für biobasierte Fettsäuren, die bislang häufig aus Palmöl, Palmkernöl oder fossilen Rohstoffen stammen.
ag