Vom Kuhpansen in die klimafreundliche Chemie

Vom Kuhpansen in die klimafreundliche Chemie

Im Forschungsprojekt FUMBIO erschließen Wissenschaft und Industrie das Potenzial eines ungewöhnlichen Mikroorganismus für die Bioökonomie. Ein Bakterium aus dem Magen von Kühen soll dabei helfen, Abgase in wertvolle Chemikalien zu verwandeln.

Illustration Projekt FUMBIO, Kuh, Bakterium, Bioreaktor
CO₂-Recycling mit Bakterien-Power: Das Projekt FUMBIO hat das Ziel durch einen umprogrammierten Mikroorganismus aus dem Kuhpansen das Treibhausgas CO₂ in klimaneutrale Industrieprodukte umzuwandeln.

Tief im Pansen einer Kuh lebt ein Bakterium, das für die Verdauung von Gras wesentlich ist und gleichzeitig das Potenzial hat, die Chemieindustrie zu verändern. Es heißt Basfia succiniciproducens und wandelt in dieser speziellen Umgebung Zucker und Kohlendioxid (CO₂) unter anderem in organische Säuren um – ein Prozess, der seit Millionen Jahren völlig natürlich abläuft. Dieser Mikroorganismus wird für Forschende nun zum Ausgangspunkt einer neuen Idee: Könnte man dessen Fähigkeiten nutzen, um aus dem Treibhausgas CO₂ wertvolle chemische Rohstoffe herzustellen? Eine Win-win-Situation für die Bioökonomie, die natürliche Prozesse als Vorbild für nachhaltige industrielle Produktionen nimmt.

Im Forschungsverbund FUMBIO (FUMarsäure BIObasiert) arbeiten Wissenschaft und Industrie gemeinsam daran, das Bakterium gezielt zu nutzen und für den Einsatz in der Industrie zu optimieren. Es soll künftig Fumarat produzieren, eine wichtige Plattformchemikalie für zahlreiche industrielle Anwendungen. Das benötigte CO₂ könnte direkt aus industriellen Abgasen stammen. So würde aus einem Abfallprodukt ein Rohstoff und aus einem Mikroorganismus aus dem Kuhmagen ein Helfer für die klimafreundliche Chemie der Zukunft. Gefördert wird das Verbundprojekt rund um Forschende der BASF, der Universität des Saarlandes, der Philipps-Universität Marburg und der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt mit zwei Millionen Euro im Rahmen des Programms CO₂BioTech

Infografik FUMBIO, Fumarsäure Biobasiert
Das Bakterium 𝘉𝘢𝘴𝘧𝘪𝘢 𝘴𝘶𝘤𝘤𝘪𝘯𝘪𝘤𝘪𝘱𝘳𝘰𝘥𝘶𝘤𝘦𝘯𝘴 wird im Projekt FUMBIO zur biologischen Plattform, um aus Zucker und industriellem Kohlendioxid den Grundstoff Fumarat herzustellen.
Ein Bakterium aus dem Kuhmagen als Chemie-Star

Entdeckt wurde das Bakterium Basfia succiniciproducens 2008 von Forschenden der BASF im Pansen eines Holstein-Rinds. Also genau dort, wo Kühe Gras verdauen. In dieser Umgebung erfüllt es eine wichtige Aufgabe: Es hilft dabei, pflanzliche Bestandteile zu zerlegen und wandelt dabei Zucker und CO2, das bei den Gärprozessen im Pansen in großen Mengen entsteht, unter anderem in organische Säuren um.

Für die Forschung ist vor allem ein Stoffwechselweg interessant. Basfia succiniciproducens stellt natürlicherweise große Mengen Succinat her, das Salz der Bernsteinsäure und eine chemische Verbindung, die bereits industriell genutzt wird. Doch eine andere, verwandte Verbindung kann noch vielseitiger eingesetzt werden. Genau hier setzt FUMBIO an: In dem Verbundprojekt bringen die Forschenden dem Bakterium bei, künftig gezielt Fumarat, das Salz der Fumarsäure, zu produzieren. „Fumarsäure ist in der Chemieindustrie ein wichtiges Zwischenprodukt, mit dem zahlreiche Produkte wie zum Beispiel Lebens- und Futtermittelzusätze, Ausgangsstoffe für Medikamente oder Bausteine für Polymere und Wasch- und Reinigungsmittel hergestellt werden“, erläutert Dr. Barbara Navé, Projektleiterin bei FUMBIO und zuständig für die Evaluierung und Koordination neuer Projekte in der Weißen Biotechnologie bei BASF. „Bislang wird es hauptsächlich aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl hergestellt. FUMBIO möchte ein Produktionsverfahren entwickeln, das CO2-neutral mithilfe von Bakterien große Mengen Fumarsäure aus nachwachsenden Rohstoffen und Kohlendioxid aus Industrieabgasen herstellt.“

Aufnahme von Bakterien Basfia Succiniproducens
Das Bakterium 𝘉𝘢𝘴𝘧𝘪𝘢 𝘴𝘶𝘤𝘤𝘪𝘯𝘪𝘤𝘪𝘱𝘳𝘰𝘥𝘶𝘤𝘦𝘯𝘴 aus dem Kuhpansen ist ein vielversprechender Kandidat für die nachhaltige Herstellung industriell wichtiger Chemikalien, weil es Zucker und CO₂ in wertvolle organische Säuren umwandelt.

Die besondere Fähigkeit dieses Bakteriums: Es verwertet nicht nur Zucker, sondern bindet dabei auch CO₂. Das macht es zu einem idealen Kandidaten für eine klimafreundliche Biotechnologie. Ein Organismus, der gewissermaßen Abfallstoffe „frisst“ und daraus wertvolle Produkte erzeugt.

Doch der Weg vom natürlichen Stoffwechsel zur industriellen Anwendung ist weit. Denn so interessant das Bakterium auch ist, es arbeitet nicht automatisch so, wie es die Chemieindustrie bräuchte. Damit aus einem Mikroorganismus aus dem Kuhmagen ein Produzent für nachhaltige Chemikalien wird, muss sein inneres System, also seine Erbsubstanz DNA, gezielt verändert werden.

Wie man einen Stoffwechsel „umprogrammiert“ – eine Metapher zum Straßenverkehr

Um zu verstehen, was im Projekt FUMBIO passiert, hilft ein Bild, das die Mikrobiologin Prof. Anke Becker von der Universität Marburg verwendet. Sie trägt mit ihrem Team entscheidend zur Erforschung und Optimierung des Bakteriums bei. „Stellen Sie sich eine Großstadt vor mit vielen verschiedenen Umgehungs- und Nebenstraßen. Das wäre jetzt der Stoffwechsel der Zelle“, erklärt Anke Becker. Man kann sich dieses Netzwerk wie ein dichtes Geflecht aus Hauptstraßen, Nebenstraßen und Umgehungsrouten vorstellen, auf denen ständig Verkehr fließt. Im Fall der Zelle entspräche das chemischen Reaktionen und Stoffumwandlungen. Jede Verbindung erfüllt eine bestimmte Funktion, alles ist aufeinander abgestimmt. „Wenn wir genetisch eingreifen, entspricht das einer Baustelle im Stadtzentrum“, so Becker. Will man nun erreichen, dass die Zelle statt eines Stoffes einen anderen produziert, reicht es nicht, einfach einen Schalter umzulegen. Vielmehr muss der „Verkehr“ gezielt umgeleitet werden, um Staus zu vermeiden. Einige Straßen werden gesperrt, andere erweitert, neue Verbindungen geschaffen. Genau das ist die Idee des sogenannten „Metabolic Engineering“, der gezielten Veränderung von Stoffwechselwegen.

Metabolic Engineering - Forschende entwerfen Stoffwechselweg
Wie Stadtplaner am Reißbrett entwerfen die Forschenden neue Stoffwechselwege, um den Zellstoffwechsel gezielt auf die Produktion von Fumarsäure umzulenken. Hier im Bild Dr. Eslam Elsayed (links) und Dr. Tamara Hoffmann im SYNMIKRO Marburg.

Konkret bedeutet das im Projekt FUMBIO: Die natürlichen Produktionswege des Bakteriums werden so verändert, dass der Stofffluss nicht mehr in Richtung Succinat läuft, sondern in Richtung Fumarat. Dafür greifen die Forschenden in die genetische Steuerung der Zelle ein. Gene werden entfernt, neue eingefügt oder ihre Aktivität gezielt reguliert. Auch hier bietet die Metapher passende Bilder: Sperrungen entsprechen dem Ausschalten bestimmter Gene, neue Straßen stehen für zusätzliche Stoffwechselwege. Ampeln und Schranken symbolisieren die feine Regulierung, wann und wie stark ein Prozess abläuft. 

Eine zentrale Rolle spielen dabei Enzyme. Sie sind die Arbeiter der Zelle, die chemische Reaktionen ermöglichen und steuern. Ohne sie würde im Stoffwechsel nichts passieren. Wenn Forschende den genetischen Code verändern, sorgen sie im übertragenen Sinn dafür, dass die Arbeiter einen anderen Bauplan haben und daher andere Werkzeuge herstellen oder bestehende anders einsetzen. Das Ziel ist ein fein abgestimmtes System, in dem die Zellen effizient wachsen und gleichzeitig möglichst viel des gewünschten Produkts herstellen. Doch genau diese Balance zu erreichen, ist alles andere als trivial.

Komplexität und fehlende Werkzeuge als Herausforderung

So elegant die Idee des Umprogrammierens der Bakterien klingt, in der Praxis entsteht manchmal „eine Baustelle mitten im Berufsverkehr“. Denn der Stoffwechsel einer Zelle ist kein einfaches System, sondern das Ergebnis von Milliarden Jahren Evolution. Jede Veränderung hat Auswirkungen auf das gesamte Netzwerk. Wird ein Weg blockiert, staut sich der „Verkehr“ an anderer Stelle. Im schlimmsten Fall funktioniert das System gar nicht mehr: Die Zelle wächst langsamer, produziert unerwünschte Nebenprodukte oder stirbt sogar ab. Solche Effekte beobachten Forschende immer wieder. Kleine genetische Eingriffe können überraschend große Konsequenzen haben. Was auf dem Papier logisch erscheint, funktioniert in der lebenden Zelle oft anders als erwartet. Wissenschaft bedeutet hier vor allem: Probleme erkennen, verstehen und lösen.

Hinzu kommt im Fall von Basfia succiniciproducens ein ganz praktisches Hindernis. „Da dieses Bakterium erst 2008 aus dem Pansen eines Rinds isoliert und noch wenig erforscht wurde, fehlte zunächst der molekularbiologische Werkzeugkasten, um überhaupt mit ihm effizient gezielt arbeiten zu können,“ gibt Anke Becker zu bedenken. Während man bei bekannten Organismen auf eine gut ausgestattete Werkstatt zurückgreifen kann, mussten die FUMBIO-Forschenden zunächst die grundlegenden Werkzeuge selbst entwickeln. Mit Erfolg: „Wir konnten hier nun Werkzeuge entwickeln, die gezielte Eingriffe in den Stoffwechsel ermöglichen“, freut sich die Mikrobiologin. Beispielsweise wurden Methoden zur Veränderung der Erbinformation optimiert oder neu entwickelt, oder genetische Schalter etabliert. Erst dieser Aufbau eines maßgeschneiderten Werkzeugkastens ermöglicht es, effizient am Stoffwechsel des Bakteriums zu arbeiten.

Zwei Forschende im Mikrobiologie-Labor.
Das Forschungsteam an der Universität Marburg entwickelt genetische Werkzeuge, um den Stoffwechsel des Bakteriums 𝘉𝘢𝘴𝘧𝘪𝘢 𝘴𝘶𝘤𝘤𝘪𝘯𝘪𝘤𝘪𝘱𝘳𝘰𝘥𝘶𝘤𝘦𝘯𝘴 zu verändern. Das ist eine zentrale Voraussetzung für dessen gezielte Umprogrammierung.
Wie digitale Modelle neue Stoffwechselstrategien ermöglichen

Parallel zum Aufbau genetischer Werkzeuge arbeitet das Projektteam von FUMBIO daran, den komplexen Stoffwechsel von Basfia succiniciproducens systematisch zu verstehen und gezielt für die Produktion von Fumarsäure umzuleiten. Genau hier bringt die Gruppe um Prof. Christoph Wittmann an der Universität des Saarlandes ihre Expertise in der Systembiotechnologie und im „Metabolic Engineering“ ein. Mithilfe computergestützter Stoffwechselmodelle, experimenteller Datenanalysen und moderner Analytik untersuchen die Forschenden, wie Kohlenstoff- und Elektronenflüsse innerhalb der Zelle verlaufen und an welchen Stellen sich der Stoffwechsel gezielt in Richtung Fumaratproduktion umlenken lässt.

Laboranalytik, Person pipettiert farbige Flüssigkeit
Mithilfe moderner Analytik und systembiologischer Methoden analysieren die Forschenden der Universität des Saarlandes den Stoffwechsel von 𝘉. 𝘴𝘶𝘤𝘤𝘪𝘯𝘪𝘤𝘪𝘱𝘳𝘰𝘥𝘶𝘤𝘦𝘯𝘴, um neue Strategien für eine effiziente Fumaratproduktion zu entwickeln.

Anders als bei einfachen chemischen Reaktionen greifen in lebenden Zellen zahlreiche Stoffwechselwege gleichzeitig ineinander. Wird ein Bereich verändert, kann dies an anderer Stelle unerwartete Folgen haben. Genau deshalb kombiniert das Team aus Saarbrücken mathematische Modelle mit experimentellen Untersuchungen im Labor. Die Forschenden analysieren unter anderem, welche Stoffwechselwege besonders aktiv sind, wie effizient CO₂ eingebunden wird und welche Nebenprodukte entstehen. Auf dieser Grundlage lassen sich geeignete Angriffspunkte für die metabolische Optimierung identifizieren und neue Strategien entwickeln, um den Kohlenstofffluss möglichst effizient auf die Bildung von Fumarat zu konzentrieren.

Die Kombination aus Modellierung und experimenteller Validierung hilft dem Konsortium dabei, komplexe Wechselwirkungen im Zellstoffwechsel frühzeitig zu erkennen und vielversprechende genetische Veränderungen gezielt auszuwählen. Gleichzeitig entsteht ein immer genaueres Bild davon, wie sich das Bakterium unter unterschiedlichen Umwelt- und Prozessbedingungen verhält. Damit liefert die Systembiotechnologie wichtige Grundlagen für die gezielte Weiterentwicklung des Mikroorganismus hin zu einer leistungsfähigen industriellen Produktionsplattform

Vom Computermodell in den Bioreaktor

Doch selbst vielversprechende genetische Veränderungen sind nur dann relevant, wenn die Mikroorganismen auch unter industriellen Bedingungen stabil wachsen und hohe Produktausbeuten erreichen. Deshalb untersucht das Team an der Universität des Saarlandes zusätzlich, wie sich Basfia succiniciproducens unter realen Prozessbedingungen im Bioreaktor verhält. Denn Bedingungen, die im kleinen Labormaßstab funktionieren, lassen sich nicht automatisch auf industrielle Produktionsprozesse übertragen. Bereits kleine Veränderungen bei CO₂-Versorgung, pH-Wert, Temperatur oder Nährstoffverfügbarkeit können Wachstum, Stoffwechsel und Produktbildung deutlich beeinflussen.

Person im Forschungslabor an Bioreaktoren.
In parallelen Bioreaktorsystemen untersucht das Team der Universität des Saarlandes das Verhalten von 𝘉𝘢𝘴𝘧𝘪𝘢 𝘴𝘶𝘤𝘤𝘪𝘯𝘪𝘤𝘪𝘱𝘳𝘰𝘥𝘶𝘤𝘦𝘯𝘴 und entwickelt robuste Prozesse zur effizienten Fumarsäureproduktion aus Zucker und CO₂.

Um die besten Produktionsbedingungen zu identifizieren, entwickelt das Team unterschiedliche Fermentationsstrategien und analysiert systematisch Wachstum, Stoffumsätze und Fumaratbildung. Dabei untersuchen die Forschenden unter anderem, wie effizient das Bakterium CO₂ unter sauerstoffreien Bedingungen verwertet, wie stabil die veränderten Stämme über längere Produktionszeiten arbeiten und wie sich Stoffwechsel und Produktbildung unter verschiedenen Prozessbedingungen verändern. Ziel ist es, die biologischen Eigenschaften des Mikroorganismus möglichst effizient mit den Anforderungen technischer Produktionsprozesse zu verbinden.

Gleichzeitig liefert die Prozessentwicklung wichtige Rückmeldungen für die weitere Stammoptimierung. Denn häufig zeigt sich erst im Bioreaktor, welche genetischen Veränderungen tatsächlich robust funktionieren und welche unbeabsichtigten Nebenwirkungen im Stoffwechsel auftreten. Die enge Verknüpfung von Systembiologie, Stoffwechselengineering und Bioprozessentwicklung ist deshalb ein zentraler Bestandteil des FUMBIO-Projekts. Erst das Zusammenspiel aus gezielter Stammoptimierung und passender Prozessführung ermöglicht es, aus einem natürlichen Mikroorganismus aus dem Kuhmagen eine leistungsfähige industrielle Zellfabrik für nachhaltige Chemikalien zu entwickeln.

Die Veredlung von Fumarsäure schließt die Wertschöpfungskette

Während die Forschenden in Marburg und Saarbrücken dem Bakterium die gewünschte Fumarsäure entlocken, arbeitet die RPTU Kaiserslautern-Landau an der nächsten Stufe der Wertschöpfungskette: der gezielten Weiterverarbeitung zu einer ganzen Palette nachhaltiger Chemieprodukte. Denn Fumarsäure ist ein vielseitiger Ausgangsstoff, etwa für den Proteinbaustein Asparaginsäure oder für Bestandteile biobasierter Reinigungsmittel.

Im Mittelpunkt stehen dabei Enzyme als hochspezialisierte biochemische Werkzeuge. Die Arbeitsgruppe rund um Prof. Antonio Pierik orientiert sich an natürlichen Vorbildern und nutzt Enzyme, die ursprünglich aus Mikroorganismen stammen, die in extremen Lebensräumen vorkommen, etwa bei sehr hohen Temperaturen. Diese natürlichen „Bauarbeiter“ der Zelle werden für den Einsatz in industriellen Prozessen gezielt angepasst und verbessert. „Unsere Aufgabe ist es, bessere, also stabilere und effizientere Biokatalysatoren zu entwickeln“, erklärt Pierik. Die zentrale Herausforderung bestehe darin, diese Enzyme so zu optimieren, dass sie auch unter industriellen Bedingungen zuverlässig funktionieren, also beispielsweise bei niedrigen Temperaturen oder hoher Salzbelastung. Nur dann können sie Fumarsäure effizient in weiterführende Produkte umwandeln und so den nächsten Schritt in der Wertschöpfungskette ermöglichen. Damit spannt FUMBIO den Bogen von der Nutzung industrieller CO₂-Abgasströme und Biomasse über die mikrobielle Herstellung bis hin zur enzymatischen Veredelung zu marktfähigen, nachhaltigen Chemieprodukten.

Enzymentwicklung, Forschungslabor
An der RPTU Kaiserslautern-Landau optimieren die FUMBIO-Forschenden natürliche Enzyme, um Fumarsäure zu hochwertigen biobasierten Produkten weiterzuverarbeiten.
Wie Forschung und Industrie gemeinsam den Bioprozess entwickeln

Insgesamt zeigt sich, wie anspruchsvoll die Forschung im Projekt FUMBIO ist: Es geht nicht nur darum, biologische Möglichkeiten auszuloten, sondern sie auch kontrollierbar und nutzbar zu machen. Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie erweist sich als Stärke des Projekts. Hier treffen zwei Denkweisen aufeinander, die sich ideal ergänzen können, findet Becker: Während die akademische Forschung verstehen will, warum und wie ein biologisches System funktioniert, steht für die Industrie im Vordergrund, dass es zuverlässig funktioniert, und zwar möglichst schnell, effizient und skalierbar. In FUMBIO kommen diese Perspektiven zusammen.

An der Universität Marburg entwickelt das Team um Anke Becker die genetischen Werkzeuge und programmiert den Stoffwechsel des Bakteriums gezielt um. Die Universität des Saarlandes kombiniert Systembiologie, computergestützte Stoffwechselmodellierung, Stammoptimierung und Bioprozessentwicklung, um neue Stoffwechselstrategien zu identifizieren und robuste Fermentationsprozesse für die industrielle Produktion zu entwickeln. Die RPTU Kaiserslautern-Landau beschäftigt sich mit der biokatalytischen Weiterverarbeitung des Zwischenprodukts Fumarsäure mithilfe von maßgeschneiderten Enzymen. Und die BASF übernimmt als Industriepartner die Koordination des gesamten Projekts sowie die Skalierung der Fermentationsprozesse. Denn das Ziel ist eine spätere großtechnische Anwendung, die zuverlässig funktioniert, hohe Produktausbeuten liefert und zugleich wirtschaftlich ist. „Im Unterschied zu klassischen Ansätzen ersetzt FUMBIO fossile Rohstoffe vollständig und wir möchten das Verfahren in Zukunft gezielt in bestehende industrielle Prozesse einbauen“, erläutert Barbara Navé von der BASF.

Die enge Kooperation aller Beteiligten ist entscheidend, denn der Sprung vom Labor in die Anwendung stellt ganz eigene Anforderungen. Was im kleinen Maßstab funktioniert, muss unter realen Produktionsbedingungen noch lange nicht stabil laufen. In industriellen Bioreaktoren verändern sich Faktoren wie Temperatur, pH-Wert oder Nährstoffverfügbarkeit und damit auch das Verhalten der Mikroorganismen. Hier kann insbesondere die BASF ihre langjährigen Erfahrungen aus anderen bereits etablierten biotechnologischen Verfahren einbringen.

Das Projekt verfolgt dabei bewusst einen interdisziplinären Ansatz, der unterschiedliche Expertisen zusammenführt. „Unser FUMBIO-Projekt verfolgt einen multidisziplinären Ansatz, der Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenbringt, um gemeinsam nachhaltige Lösungen für die Zukunft zu entwickeln“, betont Antonio Pierik von der RPTU. Diese Verbindung von Biologie, Chemie und Verfahrenstechnik ermögliche es, neue biobasierte Produktionswege systematisch zu erschließen.

Warum FUMBIO die Bioökonomie von morgen prägt

Vom CO₂ zum Endprodukt: FUMBIO deckt den gesamten Prozess ab – von der mikrobiellen CO₂-Nutzung über Fermentation bis zur enzymatischen Weiterverarbeitung zu Endprodukten.

Neuer Werkzeugkasten für Nicht-Modellorganismen: Das Projekt schafft erstmals umfassende genetische Werkzeuge, bioinformatische und Prozessinformationen um Basfia succiniciproducens zu einem  industriell vielversprechenden Mikroorganismus für künftige  Anwendungen zu machen.

Brücke zur industriellen Anwendung: Enge Zusammenarbeit von akademischer Forschung und Industrie ermöglicht den Transfer von der Grundlagenforschung hin zu skalierbaren, industriellen Prozessen

Mikroorganismen als Schlüssel zur nachhaltigen Chemie

Was im Projekt FUMBIO entsteht, ist ein Beispiel dafür, wie sich industrielle Produktion grundsätzlich verändern könnte: weg von fossilen Rohstoffen, hin zu Kreisläufen, in denen CO₂ als Ressource genutzt wird. Fumarsäure ist dabei nur ein Baustein, eine Plattformchemikalie, aus der sich zahlreiche Produkte herstellen lassen, von Kunststoffen bis hin zu Medikamenten. Gelingt es, solche Prozesse effizient zu etablieren, könnten sie einen messbaren Beitrag zur Defossilierung der Chemieindustrie leisten.

Mikroorganismen spielen dabei eine Schlüsselrolle, meint Anke Becker: „Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, die wir haben und wir werden ihn nicht mit einem einzigen Ansatz lösen. Aber wenn wir das Potenzial von Mikroorganismen nicht nutzen, begehen wir einen großen Fehler. Sie verfügen über eine biochemische Vielfalt, wie sie keine andere Organismengruppe auf der Erde bietet.“ Während die Entdeckung im Kuhmagen zur Zukunftstechnologie avanciert, steht FUMBIO exemplarisch für eine Forschung, die Grundlagenwissen und Anwendung verbindet.

von Hanna Berger

initiirt durch: BMFTR

FUMBIO

Biotechnologische Fumarat-Wertschöpfungskette – Von CO2 und Zucker bis hin zu biologisch abbaubaren Chemikalien

ProjektpartnerBASF SE (Koordination)
Philipps-Universität Marburg
Universität des Saarlandes
Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau
FörderungBundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
FördermaßnahmeCO2BioTech: CO2 und C1-Verbindungen als Rohstoffe für die Industrielle Bioökonomie
ProjektträgerProjektträger Jülich (PtJ)
Laufzeit01/2024–12/2026
Förderkennzeichen031B1401A-D
Fördersumme2.050.578 €