Kohlenstoffdioxid gilt als eines der zentralen Treibhausgase unserer Zeit und ist zugleich ein bislang weitgehend ungenutzter Rohstoff. Während viele Klimaschutzstrategien darauf abzielen, CO₂-Emissionen zu vermeiden oder abzuscheiden, verfolgt das Innovationslabor GasValor einen anderen, ergänzenden Ansatz: Forschungsteams der RWTH Aachen arbeiten daran, CO₂ aus industriellen Abgasströmen gezielt in wertvolle chemische Produkte umzuwandeln. Ob aus Biogasanlagen, Klärwerken oder der Stahlindustrie, überall dort, wo kohlenstoffhaltige Gase in größeren Mengen anfallen und sich nicht restlos vermeiden lassen, könnte das Treibhausgas künftig zur Ressource für eine biobasierte Industrie werden.
Das Projekt verwendet dafür die sogenannte Gasfermentation. Dabei wandeln spezialisierte Mikroorganismen Gase wie CO₂ oder Methan in höherwertige chemische Verbindungen um. Doch die Herstellung solcher Moleküle ist nur ein Teil der Herausforderung. Denn für die industrielle Anwendung ist oft entscheidend, wie sich die Produkte effizient, nachhaltig und wirtschaftlich aus den wässrigen Fermentationslösungen zurückgewinnen lassen. Genau hier setzt GasValor einen besonderen Schwerpunkt. Ziel ist ein Gesamtprozess, der nicht nur technologisch funktioniert, sondern auch skalierbar und wirtschaftlich relevant ist. Damit verbindet das Projekt biologische CO₂-Nutzung mit moderner Verfahrenstechnik und adressiert eine der zentralen Hürden auf dem Weg von der Laboridee zur industriellen Anwendung.
Das Projekt GasValor wird an der RWTH Aachen von der Aachener Verfahrenstechnik unter Leitung von Professor Andreas Jupke koordiniert. Beteiligt sind neben dem Lehrstuhl für Fluidverfahrenstechnik auch der Lehrstuhl für Bioverfahrenstechnik unter Leitung von Professor Jørgen Magnus sowie das Institut für Angewandte Mikrobiologie rund um Professor Lars Blank. Gefördert wird GasValor als „Innovationslabor“ im Rahmen der Modellregion BioökonomieREVIER durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Ziel des Förderprogramms ist es, im Rheinischen Revier innovative bioökonomische Technologien für den Strukturwandel nach dem Kohleausstieg zu entwickeln und in die Anwendung zu überführen.
Am Anfang des Projekts steht die Frage, wie sich aus kohlenstoffhaltigen Abgasen hochwertige Produkte herstellen lassen. Eine Antwort liefern Mikroorganismen. Bestimmte Bakterien sind in der Lage, sogenannte C1-Verbindungen, also Moleküle mit nur einem Kohlenstoffatom wie Kohlenstoffdioxid (CO₂), Kohlenstoffmonoxid (CO) oder Methan (CH4), als Nährstoffquelle zu nutzen und in komplexere chemische Verbindungen umzuwandeln. Genau dieses natürliche Stoffwechselvermögen macht sich das Projekt zunutze. Janik Hense, der das Projekt an der Fluidverfahrenstechnik maßgeblich mit vorantreibt, erklärt, warum das Team auf mikrobielle CO₂-Fixierung statt auf rein chemische Verfahren setzt: „Der entscheidende Vorteil dieser biologischen Systeme liegt darin, dass sie auch mit Gasgemischen klarkommen. Industrielle Abgase, etwa aus Stahlwerken oder Biogasanlagen, sind in der Regel nicht rein.“ Der Einsatz von Mikroorganismen eröffnet damit die Möglichkeit, komplexe Emissionsströme direkt als Rohstoff zu nutzen, ohne sie zuvor energieaufwendig in einzelne Reingase auftrennen zu müssen.
Im Projekt verfolgen die Forschenden zwei unterschiedliche biotechnologische Verfahrenswege, um kohlenstoffhaltige Gase in nutzbare Produkte zu überführen. Beim ersten Ansatz, dem CO₂-Strang, kommen spezialisierte Mikroorganismen zum Einsatz, sogenannte acetogene Bakterien. Diese können Kohlenstoffdioxid oder Kohlenstoffmonoxid als Kohlenstoffquelle nutzen. Damit die Reaktion überhaupt ablaufen kann, wird zusätzlich Wasserstoff benötigt, idealerweise in Form von „grünem“ Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Unter sauerstofffreien Bedingungen wandeln die Mikroorganismen diese Gase dann in Acetat um, also die gelöste Form von Essigsäure bei neutralem pH-Wert. Auf diese Weise entsteht aus gasförmigen Emissionen ein chemischer Grundstoff, der als Ausgangspunkt für zahlreiche industrielle Anwendungen dienen kann. Essigsäure zählt zu den Plattformchemikalien der chemischen Industrie und wird unter anderem für Lösungsmittel wie Ethylacetat, Kraftstoffadditive oder weitere Syntheseprodukte benötigt.
Ergänzt wird dieser Hauptpfad durch einen zweiten Verfahrensstrang, in dem Bakterien Methan zu biobasierten Polymeren umsetzen. Diese können als biologisch abbaubare Kunststoffe genutzt werden. Der Methan-Strang ist ein wichtiger technologischer Bestandteil des Gesamtprojekts und erweitert das Prinzip der C1-Biokonversion auf unterschiedliche Gasströme. „Das Ziel des Projektes ist es, eine Plattformtechnologie zu etablieren“, sagt Dr. Marcel Mann, Gruppenleiter am Lehrstuhl für Bioverfahrenstechnik der RWTH Aachen. „Hierbei ist einerseits der gewählte Beispielprozess von großer industrieller Relevanz, andererseits können die einzelnen Prozessschritte aber auch in anderen Prozessketten eingebracht werden.“ GasValor versteht sich damit nicht als isolierte Einzellösung, sondern als technologischer Baukasten für künftige biobasierte Produktionsprozesse.
Die eigentliche Herausforderung im biotechnologischen Teil liegt jedoch nicht allein in der Wahl geeigneter Mikroorganismen, sondern in deren Integration in einen industriell nutzbaren Prozess. Denn nicht die Biologie allein setzt Grenzen, sondern häufig auch die Physik. Ein Kerninteresse seiner Gruppe sei es daher laut Mann, häufig vorhandene physikalische Limitierung zu lösen. Zu diesen zählt insbesondere der Transfer von Gasen in die Flüssigkeit, denn sowohl die C1-Gase als auch Wasserstoff lösen sich nur begrenzt in Wasser. Damit die Mikroorganismen effizient arbeiten können, müssen die Gase dennoch schnell genug in die Fermentationsbrühe überführt werden. Gleichzeitig müssen biologische Anforderungen und technische Randbedingungen aufeinander abgestimmt werden – ein Balanceakt, der die Komplexität des Projekts ausmacht. „Zentrale Herausforderung ist es, die Ansprüche der verschiedenen ,Unit Operations‘ aufeinander abzustimmen“, betont Mann. „Zum Beispiel ist für die Produktaufarbeitung eine erhöhte Osmolarität essenziell, was wiederum problematisch für die eingesetzten Mikroorganismen ist.“ Wenn die Bakterien beispielsweise besonders viel Acetat produzieren, hemmen sie sich ab einer gewissen Konzentration selbst. Genau solche Zielkonflikte zeigen, warum die Entwicklung industrieller Bioprozesse weit über die reine Mikrobiologie hinausgeht.
Selbst wenn die Mikroorganismen aus CO₂ erfolgreich Acetat produzieren, ist der Weg zum marktfähigen Produkt noch weit. Denn in der Fermentationsbrühe liegt die gewünschte Chemikalie nur in vergleichsweise geringer Konzentration vor, gelöst in einem komplexen Gemisch aus Wasser, Salzen, Nährstoffen und Stoffwechselprodukten. Die eigentliche Herstellung des Moleküls ist damit nur die halbe Miete. Erst wenn sich das Produkt effizient abtrennen und aufreinigen lässt, wird aus einem vielversprechenden Laborprozess eine wirtschaftlich nutzbare Technologie. Genau an diesem Punkt setzt der zweite Schwerpunkt von GasValor an: die Entwicklung innovativer Trenn- und Aufarbeitungsverfahren. Unter Leitung des Lehrstuhls für Fluidverfahrenstechnik an der RWTH Aachen arbeitet das Projektteam daran, die biotechnologisch erzeugten Produkte so aus der Fermentationslösung zurückzugewinnen, dass der Gesamtprozess technisch und wirtschaftlich skalierbar wird.
Die Herausforderung beginnt bereits bei der Chemie des Produkts selbst. Essigsäure liegt unter den neutralen Bedingungen, die Mikroorganismen für ihr Wachstum bevorzugen, überwiegend in ihrer Form als Acetat vor. In diesem Zustand bleibt sie vollständig in der wässrigen Phase gelöst und lässt sich nur schwer abtrennen. Für eine effiziente Aufarbeitung müsste sie dagegen möglichst als freie Säure vorliegen. Konventionell wird dieses Problem durch die Zugabe starker Säuren gelöst. Dadurch sinkt der pH-Wert, und aus Acetat wird wieder Essigsäure. Der Nachteil: Dabei entstehen große Mengen an Salzabfällen, die entsorgt oder weiterbehandelt werden müssen. Dies stellt einen erheblichen ökologischen und wirtschaftlichen Nachteil dar, der solche biotechnologische Prozesse im industriellen Maßstab unattraktiv macht.
GasValor verfolgt deshalb einen anderen Ansatz. Die Forschenden setzen auf ein elektrochemisches Verfahren, das den pH-Wert ohne zusätzliche Säuren einstellt. „Statt Chemikalien einzusetzen, nutzen wir elektrischen Strom, um Wasser zu spalten und so gezielt Protonen zu erzeugen. Damit können wir den pH-Wert einstellen, ohne zusätzliche Salze zu produzieren“, erläutert Janik Hense. So kann die Essigsäure in ihre extrahierbare Form überführt werden, ohne große Mengen an Salznebenprodukten zu erzeugen.
Gerade diese Kopplung aus biologischer Produktion und elektrochemischer Aufarbeitung ist ein zentrales Merkmal des Projekts. „Durch die intelligente biologische und elektrochemische Kombination können wir zeigen, dass am Ende eine Kombination unterschiedlicher Expertisen die besten Lösungen hervorbringt“, sagt Marcel Mann. Der Mikroorganismus übernimmt dabei die Synthese des Moleküls, während die nachgeschaltete Verfahrenstechnik die Aufgabe übernimmt, es effizient aus dem Prozess herauszulösen und weiterzuverarbeiten. Damit wird deutlich, worin die eigentliche Stärke von GasValor liegt, nicht in einem einzelnen spektakulären Reaktionsschritt, sondern in der intelligenten Verzahnung aller Prozessschritte. „Wir müssen viel mehr dahin kommen, Mischprozesse zu entwickeln, die das Beste aus den vielen Welten kombinieren“, betont Mann.
Warum GasValor die Bioökonomie von morgen prägt
Kohlenstoffhaltige Abgase als Rohstoffquelle: GasValor kann komplexe industrielle Gasgemische als Ausgangspunkt nutzen und mikrobiell in chemische Wertstoffe überführen.
Plattform für verschiedene C1-Gase: Neben CO2 werden auch Methan und weitere einfache Kohlenstoffverbindungen als Rohstoffe erschlossen, wodurch ein flexibler technologischer Ansatz für unterschiedliche Emissionsquellen entsteht.
Produktaufbereitung als Schlüssel: Ein neu entwickeltes Trennverfahren ermöglicht es, empfindliche Fermentationsprodukte effizient aus komplexen Gemischen zu isolieren und für die industrielle Nutzung bereitzustellen.
Noch arbeitet GasValor im Labormaßstab. Doch das Ziel des Projekts ist von Beginn an größer gedacht: Die entwickelte Prozesskette soll perspektivisch in industrielle Anwendungen überführt werden. Dafür müssen die einzelnen Verfahrensschritte nun schrittweise skaliert und enger miteinander gekoppelt werden, vom Fermenter über die Aufarbeitung bis hin zur kontinuierlichen Prozessführung.
Besonders im Blick haben die Forschenden dabei Standorte, an denen kohlenstoffhaltige Gasströme bereits in größeren Mengen anfallen. Dazu zählen etwa Biogasanlagen, Klärwerke oder industrielle Emittenten wie die Stahl- und Chemieindustrie. Gerade im Biogasbereich könnte die Technologie neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen. Denn für viele Anlagen endet nach 20 Jahren die EEG-Förderung, wodurch sich die reine Strom- und Wärmeerzeugung oft kaum noch rentabel betreiben lässt. Die stoffliche Nutzung von Methan und CO₂ könnte Betreibern künftig ein zusätzliches Geschäftsmodell eröffnen, nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung der bisherigen Nutzung. Die eigentliche Wertschöpfung entstünde dann nicht mehr primär durch Energieverkauf, sondern durch die Produktion chemischer Rohstoffe direkt am oder nahe dem Entstehungsort der Gase. Aus bislang wenig genutzten Nebenströmen würden marktfähige Plattformchemikalien und biobasierte Materialien.
„Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass wir in 20 Jahren industrielle Anlagen sehen werden, die genau solche Prozesse nutzen“, meint Janik Hense. „Langfristig müssen wir uns ohnehin die Frage stellen, woher der Kohlenstoff für unsere Produkte kommen soll, wenn wir uns von fossilen Rohstoffen wie Erdöl lösen. […] Die Gasfermentation kann hier ein wichtiger Baustein sein. Sie ermöglicht es, Kohlenstoff im Kreislauf zu führen und seine ,Lebenszeit‘ zu verlängern, anstatt ihn sofort als Emission freizusetzen.“
Auch aus der Industrie gibt es bereits positive Signale. Mehrere Unternehmen haben Interesse an den Forschungsergebnissen bekundet, darunter nach Angaben des Projektteams auch international tätige Anlagenbauer. Langfristig könnte daraus eine neue Generation modularer Anlagen entstehen, die dort eingesetzt wird, wo C1-Gasströme verfügbar sind. Mit seiner hohen Dichte an potenziellen Emittenten aus Biogasanlagen, Klärwerken und industriellen Prozessen bietet beispielsweise das Rheinische Revier ideale Voraussetzungen, um solche Kohlenstoffströme künftig gezielt stofflich zu nutzen. Im Sinne des BioökonomieREVIERs ergibt sich daraus ein schlüssiges Gesamtbild: aus bislang vor allem energetisch genutzten oder ungenutzten Abgasen sollen regionale Wertschöpfungsketten entstehen, die Kohlenstoff im Kreislauf führen und neue industrielle Perspektiven für die Region eröffnen.
![]() | Integrierte Bioraffinerie - Teilprojekt GasValorVerwertung von Treibhausgasen aus Biogas- und Industrieanlagen |
| Projektpartner | Institut für angewandte Mikrobiologie (iAMB), RWTH Aachen Lehrstuhl für Fluidverfahrenstechnik (AVT.FVT) an der Aachener Verfahrenstechnik, RWTH Aachen Lehrstuhl für Bioverfahrenstechnik (AVT.BioVT) an der Aachener Verfahrenstechnik, RWTH Aachen |
| Förderung | Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), vormals BMBF |
| Projektträger | Projektträger Jülich (PtJ) |
| Laufzeit | 01/2022–03/2026 |
| Förderkennzeichen | 031B1135B |
| Fördersumme | 8.605.031,00 € (für „Integrierte Bioraffinerie“, inkl. Teilprojekte DeMoBio, GasValor, UpRepp, ZeTA) |
| Fördermaßnahme | Modellregion BioRevierPLUS: InBio, Innovationsciuster Integrierte Bioraffinerie. |
Publikationen aus GasValor (Stand Mai 2026)
- Schick, B. et al. (2025) “Effects of carbon monoxide supply on gas fermentations in serum bottles investigated by online monitoring of gas transfer rates.” Biochemical Engineering Journal 222: 109838 https://doi.org/10.1016/j.bej.2025.109838
- Engel, D. et al. (2025) “Online monitoring of methane transfer rates unveils nitrogen fixation dynamics in Methylococcus capsulatus.” Biotechnology and Bioengineering 122(1): 110-122. https://doi.org/10.1002/bit.28855
- Hense, J. et al. (2022) “Valorization of diluted alcohol/organic acid mixtures: Electrochemically assisted esterification of gas fermentation broths.” Chemie - Ingenieur - Technik 94 (9), 1360-1360. https://doi.10.1002/cite.202255245
von Hanna Berger
